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Seite erstellt am 18.08.1998
Seite aktualisiert am
20.06.2006
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Gesundheitspolitik >
Gesundheitsziele.de
Gesundheitsziele für Deutschland:
Relevante Themen aus dem Bericht von Gesundheitsziele.de für
Psychologinnen und Psychologen
Maximilian Rieländer 05.03.2003
(für Report Psychologie 4/2003)
Im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums hat die Gesellschaft für
Versicherungswissenschaft und -gestaltung (GVG) 12/2000 das Projekt
gesundheitsziele.de – Forum Gesundheitsziele Deutschland« initiiert, um
konkrete Vorschläge zur Einführung von Gesundheitszielen als
Handlungsgrundlage für die Akteure im Gesundheitswesen zu erarbeiten. Die
GVG hat nun zur bisherigen Projektarbeit einen ausführlichen Bericht »gesundheitsziele.de
– Forum zur Entwicklung und Umsetzung von Gesundheitszielen in Deutschland«
vorgelegt.
Nachfolgend werden aus dem Bericht ausgewählte Informationen wiedergegeben,
die für berufliche Aufgaben und Tätigkeitsfelder von Psychologen/innen
relevant sein können.
Absichten für gesundheitsziele.de
Das Projekt gesundheitsziele.de dient dazu, durch einen organisierten
Konsensbildungsprozess mit Unterstützung maßgeblicher Organisationen des
Gesundheitswesens in Deutschland einige exemplarische Gesundheitsziele mit
Umsetzungsstrategien zu erarbeiten und damit Gesundheitsziele in Deutschland
komplementär zu bestehenden Instrumenten der Gesundheitspolitik zu
etablieren. Die Vereinbarung und Umsetzung von Gesundheitszielen dient vor
allem dazu, die Gemeinwohlorientierung im deutschen Gesundheitswesen mit
neuen Mitteln zeitgemäß deutlich sichtbar und handlungsorientiert weiter zu
entwickeln. Angeregt durch die Zielsetzungen der Weltgesundheitsorganisation
für Europa »Gesundheit21« (vgl.
www.bdp-gus.de/who21)
haben sich unter der Leitung der GVG die beteiligten Akteure darauf
geeinigt, keine umfassenden Gesundheitsziele zu formulieren, sondern
zunächst zu einigen exemplarisch ausgewählten Bereichen Gesundheitsziele mit
Oberzielen, Zielen, Teilzielen sowie mit Maßnahmen und Akteuren für die
Umsetzung der Maßnahmen zu bestimmen und die künftige Umsetzung der Ziele zu
evaluieren.
Die Auswahl der Gesundheitsziele erfolgte pragmatisch nach folgenden
Kriterien: wissenschaftliche Fundierung (Mortalität, Morbidität, Verbreitung
des Gesundheitsproblems), Bestimmung durch formalisierte Partizipations- und
Konsensprozesse, vorhandene Maßnahmen zur Problembewältigung, Umsetzbarkeit
durch vorhandene Akteure in den nächsten Jahren, Evaluierbarkeit,
ökonomische Relevanz, Bürger- und Patientenbeteiligung.
Wichtige Bezugspunkte für die ausgewählten Gesundheitsziele waren:
- Verminderung ausgewählter chronischer Erkrankungen durch bessere
Prävention, Diagnose, Therapie und Rehabilitation,
- Stärkung der Gesundheitsförderung und Prävention,
- ausgewählte Bevölkerungs- und Altersgruppen, Förderung
gesundheitlicher Chancengleichheit,
- Stärkung der Bürger-, Patienten und Selbsthilfeorientierung.
Der vorgelegte Bericht dokumentiert für die bisher bearbeiteten Themen
- Diabetes
- Brustkrebs
- Tabakkonsum reduzieren
- Gesund aufwachsen: Ernährung, Bewegung, Stressbewältigung
- Kompetenz erhöhen, Patientensouveränität stärken
den Abschluss der konsensuellen Bestimmung von Oberzielen, Zielen und
Teilzielen sowie die Benennung geeigneter, möglichst evidenzbasierter
wirksamer Maßnahmen zur Umsetzung der beschlossenen Ziele.
Durch den Bericht werden auch gezielt Akteure bzw. Organisationen
angesprochen, um sie zur Mitarbeit bei der Umsetzung der einzelnen Ziele und
ihrer Evaluation zu gewinnen. Nachfolgend werden zu den ausgewählten Themen
alle Ziele sowie ausgewählte Teilziele und Maßnahmen, die auf psychologische
Tätigkeitsfelder verweisen, benannt.
Zielbereiche mit Zielen, Teilzielen und Maßnahmen
A: Diabetes mellitus Typ 2: Erkrankungsrisiko senken, Erkrankte früh
erkennen und behandeln
Ziel 1: Das Auftreten des metabolischen Syndroms und die Inzidenz des
Diabetes mellitus Typ 2 sind reduziert (Aktionsfeld Primärprävention).
Ziel 2: Der Diabetes mellitus Typ 2 wird häufiger in einem Krankheitsstadium
diagnostiziert, in dem noch keine Folgeschäden aufgetreten sind (Aktionsfeld
Sekundärprävention/ Früherkennung).
Ziel 3: Die Lebensqualität von Menschen, die an Diabetes mellitus Typ 2
erkrankt sind, ist erhöht. Folgeprobleme und Komplikationen sind
nachweislich verringert (Aktionsfeld Krankenbehandlung/ Rehabilitation).
B: Brustkrebs: Mortalität vermindern, Lebensqualität erhöhen
Ziel 1: Brustkrebs wird in einem frühen und damit prognostisch günstigeren
Stadium erkannt (Früherkennung/ Sekundärprävention).
Ziel 2: Für Patientinnen ist eine qualitativ hochwertige und evidenzbasierte
Versorgung flächendeckend und strukturiert gewährleistet (Diagnostik,
Therapie, Nachsorge).
Ziel 3: Das Wissen über die Erkrankung ist bei den Nichtbetroffenen und
Patientinnen verbessert. Verständliche, evidenzbasierte, einheitliche,
neutrale und umfassende Informationen sind für potenzielle und tatsächliche
Betroffene sowie auch für deren Angehörige vorhanden (Information der
Nichtbetroffenen und der Patientinnen).
Ziel 4: Die Patientinnen sind über vorhandene Therapieoptionen informiert
und Partnerinnen im medizinischen Entscheidungsprozess (Einbindung der
Patientinnen in die Therapieentscheidung bzw. Patientenrechte).
Ziel 5: Die Lebensqualität der Patientinnen ist durch eine bedarfsgerechte
und qualitätsgesicherte psycho- soziale Betreuung und ggf.
psychoonkologische/ psychotherapeutische Behandlung verbessert
(psychosoziale und psychoonkologische Betreuung der Patientinnen).
Ziel 6: Wo immer indiziert, haben Patientinnen mit Mammakarzinom die
Möglichkeit, an flexibilisierten Angeboten in der Rehabilitation
teilzunehmen (Rehabilitation).
Ziel 7: Klinische Krebsregister werden in ausreichender Zahl und voll
funktionsfähig geführt und genutzt. In den Ländern werden flächendeckend bevölkerungsbezogene und vollzählige Krebsregister geführt (Register).
C: Tabakkonsum reduzieren
Ziel 1: Eine effektive Tabakkontrollpolitik ist implementiert
(Maßnahmenbereich A: Verhältnisebene; gesetzgeberische/ strukturelle
Rahmenbedingungen verbessern).
Ziel 2: Die Zahl der entwöhnten Raucher ist gesteigert (Maßnahmenbereich B:
Verhaltensebene; Ausstieg fördern/Raucherentwöhnung).
Ziel 3: Mehr Kinder und Jugendliche hören mit dem Rauchen auf
(Maßnahmenbereich B: Verhaltensebene; Ausstieg fördern/Raucherentwöhnung).
Ziel 4: Mehr Kinder und Jugendliche bleiben Nichtraucher (Maßnahmenbereich
B: Verhaltensebene; Einstieg verhindern/Förderung des Nichtrauchens bei
Kindern und Jugendlichen).
Ziel 5: Weniger Personen sind dem Passivrauchen ausgesetzt.
D: Gesund aufwachsen: Ernährung, Bewegung, Stressbewältigung
Das gesamte
Zielspektrum umfasst folgende Dimensionen:
Settingebenen:
- a) Familie und Freizeit
- b) Kindertagesstätten
- c) Schulen
Gesundheitsbereiche:
- 1. Ernährung,
- 2. Bewegung,
- 3. Stressbewältigung
Übergreifende Teilziele:
- Verantwortung der Familie/Kindertagesstätte/ Schule für die Hinführung
der Kinder und Jugendlichen zu Ernährung/Bewegung/Stressbewältigung (Setting-Bezug);
- Stärkung des »Kohärenzsinnes« (Antonovsky, Salutogenese) der Kinder
bzw. Jugendlichen (Selbstkompetenz);
- geeignete Zugangswege für schwer erreichbare Kinder, Mütter und Väter;
- Wissen und Verständnis, Motivation, Verhaltensziele;
- verhältnisorientierte Ziele.
Ziel 1: Ernährung: Ein gesundes Ernährungsverhalten bei Kindern und
Jugendlichen wird gefördert, Fehlernährung ist reduziert.
Ziel 2: Bewegung: Motorische Fähigkeiten bei Kindern und Jugendlichen sind
gestärkt, Bewegungsmangel ist reduziert.
Ziel 3: Stressbewältigung: Fähigkeiten zur Stressbewältigung bei Kindern und
Jugendlichen sind gestärkt, Stressoren reduziert, Schutzfaktoren gefördert.
Ziel 4: Die Rahmenbedingungen für Gesundheitsförderung in Familie und
Freizeit, in der Kindertagesstätte und in der Schule sind optimiert.
E: Gesundheitliche Kompetenz erhöhen, Patientensouveränität stärken
Ziel 1: Bürger/innen und Patienten/ innen werden durch qualitätsgesicherte,
unabhängige, flächendeckend angebotene und zielgruppengerichtete
Gesundheitsinformationen und Beratungsangebote unterstützt (Transparenz
erhöhen).
Ziel 2: Gesundheitsbezogene Kompetenzen der Bürger/innen und Patienten/
innen sind gestärkt; ergänzende und unterstützende Angebote sind verfügbar
(Kompetenz entwickeln).
Ziel 3: Die kollektiven Patientenrechte sind ausgebaut, die individuellen
Patientenrechte sind gestärkt und umgesetzt (Patientenrechte stärken).
Ziel 4: Das Beschwerde- und Fehlermanagement erlaubt Versicherten und
Patienten/innen, ihre Beschwerden und Ansprüche wirksamer, schneller und
unbürokratischer geltend zu machen (Beschwerdemanagement verbessern).
Ausblick: Allgemeine Würdigung
Insgesamt ist der vorliegende Bericht zu Gesundheitszielen für die
Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland positiv zu
würdigen. Viele wichtige Aspekte, die sonst oft im Medizinsystem zu kurz
kommen, sind bei den Gesundheitszielen berücksichtigt. Insbesondere zielen
die Themenbereiche D »Gesundheitsförderung für Kinder und Jugendliche« und E
»Gesundheitliche Kompetenzen stärken« auf eine nachhaltig bessere
Gesundheitsqualität in der Bevölkerung.
Bei der Bestimmung der Gesundheitsziele wirkten viele Akteure mit, die das
gesundheitliche Wohl der Bevölkerung im Auge haben und nicht nur eine
Verfestigung des Medizinsystems. In den verschiedenen Arbeitsgruppen, die
die einzelnen Ziele, Teilziele und Maßnahmen ausgearbeitet haben, wirkten
leider wenig Psychologen/innen mit und kein Vertreter des BDP.
Bei einigen Gesundheitszielen wird in der Festlegung von Teilzielen und
Maßnahmen deutlich, dass es an psychologischem Know-how etwas gemangelt hat
bzw. dass sie durch psychologisches Know-how noch besser bestimmt werden
können.
Das Projekt der Gesundheitsziele ist eine wertvolle Ergänzung zu den
Disease-Management Programmen (DMP); es bezieht sich auf die gleichen
Erkrankungen wie die DMP, hebt aber die psychosozialen Aspekte für die
Gesundheit deutlicher hervor. Es bietet auch eine gute Vorlage für die
Arbeit im neu gegründeten »Deutschen Forum für Prävention und
Gesundheitsförderung«, insbesondere für die Thematik »Gesundheitsförderung
bei Kindern und Jugendlichen «
Ausblick: Gesundheitspsychologische Aufgaben für Psychologen/innen
Die genannten Gesundheitsziele mit ihren Teilzielen und Maßnahmen beinhalten
viele psychologisch relevante Aufgaben, in denen Psychologen/ innen,
insbesondere Gesundheitspsychologen/ innen, aktiv mitarbeiten können, und
zwar als
- psychologische Institute,
- freiberufliche Praxiseinrichtungen,
- maßgebliche Mitarbeiter/innen in Organisationen des Gesundheits-,
Bildungs- und Sozialwesens,
- maßgebliche Mitarbeiter/innen in entsprechenden Fachgesellschaften.
Aus den im Projekt beschlossenen Zielen und Maßnahmen lassen sich als
psychologische Tätigkeitsfelder im Sinne der Gesundheitspsychologie und
Klinischen Psychologie besonders hervorheben:
Brustkrebs
- Aus-, Fort-, Weiterbildung und Trainingsmöglichkeiten für
Gesundheitsberufe zur Verbesserung ihrer Kommunikationsfähigkeit mit
Patientinnen, damit sie deren Selbstbestimmung und Selbstkompetenzen eher
fördern statt mindern,
- psychosoziale und psychoonkologische Fortbildungen für
Gesundheitsberufe,
- Maßnahmen zur psychoonkologischen Diagnostik, Betreuung und Therapie
in einem bundesweit flächendeckenden, Patientinnen bekannten Angebot an
psychosozialer und psychoonkologischer Beratung und Betreuung
Tabakkonsum
- mehr Nichtrauchertrainings bei Krankenkassen und in
Rehabilitationseinrichtungen,
Gesundheitsförderung bei Kindern und Jugendlichen
- Gesundheitsförderungsmaßnahmen für Eltern, Erzieher/innen und
Lehrer/innen zur Vermittlung von Stressbewältigungs-, Kommunikations- und
Konfliktlösungs-Kompetenzen an Kinder und Jugendliche konzipieren,
durchführen und evaluieren, auch mit dem erwünschten Nebeneffekt, die
entsprechenden Kompetenzen bei den Eltern, Erziehern/ innen und
Lehrern/innen selbst zu fördern,
- die von Psychologen/innen schon entwickelten Maßnahmen zur Förderung
von Lebens-, Sozial- und Stressbewältigungs-Kompetenzen für Kinder und
Jugendliche (vgl.
www.bdp-gus.de/gp/psy/gf-kj.htm) stärker in Schulen, über
Krankenkassen und Volkshochschulen zum Einsatz bringen,
- schulpsychologische Service- und Beratungsstrukturen für
gesundheitsfördernde Schulentwicklungen.
Gesundheitliche Kompetenz
- Maßnahmen zur Förderung von gesundheitlicher Selbstbestimmung und
Selbstverantwortung für Gesundheits- und Krankheitsphasen konzipieren,
durchführen und evaluieren,
- mehr Selbsthilfeförderung durch Selbsthilfe-Kontaktstellen und
-Organisationen und mehr Fortbildung bei Gesundheitsberufen zu
Selbsthilfe-Möglichkeiten,
- Aus-, Fort-, Weiterbildung und Trainings für Gesundheitsberufe für
ihre Kommunikationskompetenzen mit Patienten, damit Patienten in ihrer
Selbstbestimmung und Selbstkompetenz gestärkt werden.
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